100 Jahre gefiltertes Wasser, eine Stadt geprägt von Schwefelgeruch und Mammutbäumen und ein geothermisches Wunder der Natur
Piha liegt mittlerweile gut 2 Stunden hinter uns. Wir frühstücken in Cambridge, auch wenn das Städtchen mit seinen breiten, baumgesäumten Straßen absolut verschlafen wirkt. Das kleine Café hat eine leckere Açai sowie Lachs Bowl für uns. Wir teilen ausnahmsweise nicht, da mein Magen etwas Achterbahn fährt 😕
Fans von „Herr der Ringe“ oder „Der Hobbit“ würden jetzt Richtung Matamata abbiegen und das Hobbiton Movie Set besuchen. Wir haben lange überlegt, die Tour dann aber doch verworfen, zumal Mark beim Schauen der Filme bis dato immer eingeschlafen ist 😉
Anstatt dessen machen wir einen Abstecher zu den Blue Springs - ein Naturphänomen seinesgleichen. Wir folgen dem rund 1 Kilometer langen Te Waihou Walkway, erst durch offenes Weideland und dann über ein paar Holzstege zum Fluss führt.
Je näher wir kommen, desto klarer erkennen wir, wie sauber dieses Wasser wirklich ist. Es enthält keine Trübungen oder Schlieren und hat eine Sichtweite von über 60 Metern - lasst Euch das bitte mal auf der Zunge zergehen 🫣






Das Wasser wird 50 bis 100 Jahre durch Vulkangestein gefiltert, bevor es genau hier austritt, wodurch es auch konstant 11 Grad hat. Zudem sieht es aus, als ob der Fluss ganz langsam und ruhig fließt. Auch das täuscht. Mit etwa 4.700 Liter pro Sekunde hätte er die Kraft mehrere Pools im Minutentakt zu füllen 😲
Kein Wunder, dass ein Großteil des Wassers, dass in Neuseeland in Flaschen verkauft wird, von hier stammt. Die Farbe wechseln je nach Lichteinfall von Blau über Türkis bis fast transparent. Es ist herrlich. Da nur wenige Menschen mit uns unterwegs sind, können wir das leise Rauschen des Wassers und den Wind in den Bäumen genießen 😌
Im Fluss selbst wachsen Pflanzen, die nur in diesem sauberem Wasser überleben können. Sie teilen sich den Lebensraum mit kleinen Fischen wie Kokopu oder den winzigen Süßwasserkrebsen namens Koura. Für die Māori war die Quelle heilig. Te Waihou bedeutet „neues Wasser“. Der Ort wurde früher für Rituale zur Heilung genutzt 🙃🙂





Nach 1 Stunde sind wir zurück am Auto, total beeindruckt davon, wie klar Wasser sein kann. Weiter geht’s Richtung Rotorua.
Je näher wir der Stadt kommen, desto mehr steigt uns der Schwefelgeruch in die Nase, den wir schon aus 2009 kennen. Irgendwie auch schön, dass das immer noch so ist. Denn der Geruch, der hauptsächlich von Schwefelwasserstoff stammt, ist das Markenzeichen von Rotorua 😬
Ohne ihn wäre die Stadt nicht dasselbe. Schließlich entweicht er praktisch überall aus der Erde, selbst aus Pflasterritzen in Wohnstraßen. Wir checken ein, lassen die Rucksäcke fallen und fahren direkt weiter zum Redwood Memorial Grove 😎
Wir erinnern uns noch gut an diesen Wald, wo die Redwoods wie eine kleine Kathedrale aus kalifornischen Küstenmammutbäumen stehen. Sie sind über 70 Meter hoch und in einem Tempo gewachsen, das selbst die Forstexperten staunen lässt.
Zu verdanken haben die Bäume das der Kombination aus vulkanischem Boden, hoher Luftfeuchtigkeit und konstanten Niederschlagsmustern. Zwischen Silberfarnen und Mammutbäumen wirkt der Wald wie ein Hybrid aus zwei Welten 😊








Zu unserer Überraschung befindet sich hier jetzt ein 700 Meter langer Baumwipfelpfad. Die Konstruktion hängt komplett druckfrei an den Stämmen der Redwoods ohne Nägel, ohne Schrauben, nur cleveres Spannsystem. Trotzdem irgendwie surreal.
Wir bleiben am Boden und genießen die natürliche Umgebung dieser faszinierenden Bäume. Fast 2 Stunden sind wir unterwegs. Zwischen die Mammutbäume mischen sich immer wieder tolle Silberfarne. Zudem kommt noch die Sonne heraus und taucht den Wald in ein besonders schönes Licht ☀️




Den Abend lassen wir bei „Stulle mit Brot“ ausklingen. So ganz traue ich meinem Magen noch nicht. Zumindest hat die Perentherol geholfen 🙏
Nach einem weiteren aus meiner Sicht sehr gutem Gespräch bezüglich eines wirklich coolen Jobs ist Bubu angesagt. Hoffentlich melden sie sich zeitnah, nicht wie bei einigen anderen, wo der See seit Wochen still ruht 😥
Der nächste Morgen beginnt mit dem Klingeln des Weckers. Unter dem Vorwand eines Kaffees schaue ich mal, was das Frühstück kann und ich bin baff. So viel Auswahl … Ich rufe Mark und mache mir ein Müsli mit Joghurt und Obstsalat, mehr verträgt mein Magen noch nicht 🥲
Frisch gestärkt fahren wir nach Wai-o-Tapu. Genauer gesagt, erstmal zum Geysir Lady Knox, den wir in sehr guter Erinnerung haben. Das Spektakel beginnt etwas verspätet. Schade, denn bis eben hat die Sonne noch geschienen und es gab blaue Lücken im Himmel.
Kurz wird erzählt, wie diese Tradition entstanden ist: Das erste Mal lösten Sträflinge den bis zu 20 Meter hohen Geysir aus. Es passierte völlig aus dem Nichts heraus, als sie ihre Wäsche wuschen. Ihr könnt Euch sicherlich gut vorstellen, dass ihnen der Schreck noch einige Tage später in den Gliedern saß 🤣
Auch wenn das mit der Seife etwas umstritten ist, nur so funktioniert dieses Schauspiel zuverlässig und das seit Jahren, jeden Tag gegen 10:15 Uhr. Lady Knox gehört damit zu den wenigen regelmäßig ausgelösten Geysiren der Welt. Wir warten gespannt … und sind enttäuscht. Leider steigt so viel Rauch auf, dass die Wasserfontäne kaum erkennbar ist 😓




Egal, so ist das mit den Naturschauspielen. Auch sie haben mal gute und mal schlechte Tage. Jetzt schauen wir, ob das Wai-o-Tapu Thermal Wonderland noch so beeindruckend ist wie damals.
Ja, das es ist! Schon nach wenigen Minuten in dem etwa 18 Quadratkilometer großen Gebiet fühlen wir uns wie damals: Ganz klein, angesichts der geothermischen Energie, die da schlummert. Überall steigen Gase auf, es dampft, blubbert und zischt. Was für eine faszinierende, beinahe surreale Kulisse.






Wir folgen den Boardwalks durch diese einmalige Landschaft, die in ihrer heutigen Form erst durch eine Eruption vor etwa 900 Jahren entstanden ist. Einige Krater, wie der Rainbow und der Thunder Crater, haben einen Durchmesser von bis zu 50 und Tiefen von bis 20 Metern 😳
Der Boden unter uns wirkt lebendig, als würde er atmen. Zudem ist er an manchen Stellen extrem dünn oder anders gesagt, die Erdkruste ist nur 2 Kilometer dick. Stellt Euch das bitte bildlich vor, so nah sind wir gerade der Hitze des Erdinneren ausgesetzt - unbegreiflich, oder? 😱
Der eine oder die andere fragt sich jetzt vielleicht, ist das gefährlich? Sagen wir mal so, ein großer Vulkanausbruch im Stil des Taraweras 1886 ist im Wai-o-Tapu Thermal Wonderland recht unwahrscheinlich, da es sich mehr um ein geothermisch aktives Gebiet mit Schlammvulkanen und heißen Quellen handelt.
Jedoch liegt das 160.000 Jahre alte Areal innerhalb einer sehr aktiven Vulkanzone, dem sogenannten Pazifischen Ring of Fire, in der jederzeit vulkanische Aktivität möglich ist 🌋
In Richtung Artist’s Palette wird das Gelände offener. Der Name kommt nicht von ungefähr, die Terrassen gleichen einem unvollendeten Kunstwerk. Als hätte jemand einfach drauf los gemalt. Nicht in knalligen Farben, eher in Pastelltönen.




Tatsächlich ist das Gelb durch Schwefel, das Rot sowie Orange durch Eisenoxid und das Grün durch Silikate entstanden. Dazwischen weiße mineralische Ablagerungen, die entstehen, wenn heißes, mineralreiches Wasser abkühlt und Stoffe wie Silika oder Schwefel ausfallen 🤓




Im Fachjargon ist das Sinter, der sich als helle, poröse Schicht ablagert und Kalk ähnelt. Nur ist er viel feiner und härter, wodurch sich über Jahrhunderte diese beeindruckenden Terrassen gebildet haben, die aussehen, als hätte jemand Babypuder über die Landschaft gestreut 🧂
Die Hitze, die Geräusche und der Geruch hängen konstant in der Luft. Wir brauchen keinerlei Fantasie, um zu verstehen, warum Rotorua zu den aktivsten geothermischen Regionen der Welt gehört. Erneut wird uns klar, Wai-O-Tapu schauen wir uns nicht einfach nur an, wir erleben es 🥰




Das Highlight ist definitiv der Champagner Pool. Der rund 700 Jahre alte See hat uns schon damals fasziniert. Nicht umsonst hängen zwei Bilder von diesem Farbenspiel auf Leinwand in unserer Wohnung. Er ist über 60 Meter tief und hat eine konstante Wassertemperatur von 75 Grad 🥵




Der Kontrast zwischen den weißen Ablagerungen und dem Orange am Rand mit dem Grün des Wassers lässt uns vermehrt auf Auslöser der Kamera und des iPhones drücken. Mark freut sich schon aufs Aussortieren 🤭
Die weißen Ablagerungen sind, wie kurz zuvor erklärt, Sinter, die orangefarbenen hingegen bestehen aus Antimon und Arsen. Dazu kommen die feinperligen Bläschen aus Kohlenstoffdioxid, die ununterbrochen aufsteigen und dem Pool seinen Namen geben 🍾


Vom kräftigen Orange geht es zum grellen Grün des Devil’s Baths. Der See wirkt als wäre jemandem ein Eimer Farbe ausgelaufen. Doch die Intensität entsteht durch Mineralien wie Eisen und Schwefel. Zudem liegt der pH-Wert bei etwa 2, was stark sauer ist 😠 So künstlich wie Devil’s Bath auch aussehen mag, der Pool ist eines der natürlichsten Phänomene im gesamten Wai-o-Tapu Thermal Wonderland.


Für die Māori ist dieser Ort übrigens heilig, wie sollte es auch anders sein. Wai-o-Tapu bedeutet „heiliges Wasser“, allerdings nicht nur wegen der Temperaturen und der Farben, sondern in erster Linie wegen der starken, sicht- und spürbaren geothermischen Kraft, die spürbar aus dem Boden steigt. Mana ist wohl der Begriff, der diese Spiritualität am besten beschreibt 🙃
Nach einem schnellen Lunch im Café von Wai-O-Tapu wollen wir noch zum Mudpool. Der Schlamm blubbert noch wie 2009. Gase bringen die Blasen zum Platzen, mal laut, mal leise, völlig willkürlich, ohne Rhythmus. Gar nicht so leicht das perfekte Foto zu schießen💥
Der Pool war früher ein kleiner Schlammvulkan, der durch Erosion abgeflacht wurde. Kleiner Spoiler: Schon im Auto lösche ich 160 Fotos nur auf meinem iPhone 🤫





Uns ist bewusst, dass sich insbesondere die Farben im Wai-o-Tapu Thermal Wonderland bei diesem Mix aus Sonne, Wolken und Wind nur schwer einzufangen lassen. Einige Bilder spiegeln bei weitem nicht das wieder, was wir gesehen haben. Dafür müsst Ihr selbst nach Neuseeland fliegen.
Dennoch wollen wir diese Momente mit Euch teilen und hoffen, Ihr könnt unsere Begeisterung ein klein wenig spüren, vielleicht sogar riechen - der Gestank von faulen Eiern ist schließlich unverkennbar 🥴
Noch ein kurzer Stopp am Lake Okaro, einem kleinen, ruhigen Kratersee, der ausschließlich durch Regenwasser gespeist wird. Eigentlich hoffen wir auf ein paar Schwarze Schwäne, Reiher oder andere seltene Vögel. Nichts dergleichen - und den Rundweg hat auch schon lange niemand mehr betreten, so überwuchert wie er ist.


Gut, dann umrunden wir eben zum Abschluss des Tages den Lake Tikitapu und folgen dem 5,5 Kilometer langen Blue Lake Circuit. Na, könnt Ihr es Euch schon denken? Genau, der Weg führt mal wieder durch einen Farnenwald. Deshalb jetzt ein kleiner Exkurs:
Farne sind in Neuseeland weit verbreitet. Dennoch sind sie sie mehr als nur Pflanzen. Sie sind tief in der Kultur der Māori und der Identität der Kiwis verwurzelt. So sind sie zum Beispiel Bestandteil des Logo der Rugby Nationalmannschaft All Blacks und der Fluglinie Air New Zealand.




Für die Māori gilt besonders der Silberfarn mit seiner silbrig schimmernden Blattunterseite als Symbol für Wachstum, Stärke und neues Leben. Das eingerollte Farnblatt, das „Koru“, steht sogar für Neuanfang, Frieden und Hoffnung.
Zudem reflektiert die Unterseite der Silberfarnblätter das Mondlicht, was den Māori half, sich nachts im dichten Wald zurechtzufinden. Dieses natürliche Leuchten diente als Wegweiser auf unsicheren Pfaden und symbolisiert zugleich Schutz, Führung und Verbundenheit mit der Natur 🌿






Nach ungefähr der Hälfte erreichen wir die Badestelle. Mark erfrischt sich kurz. Der See ist insbesondere im Sommer hochfrequentiert. Kein Wunder, es gibt eine Wasserskianlage. Zudem ist er Startpunkt des Triathlons, das erklärt, die Profis, die gerade mit Boje schwimmen gehen, die üben bestimmt gerade 🙂
Der Rückweg führt teils an der Straße, teils direkt am See entlang - nasse Füße inbegriffen 😅 Schade, dass der Aussichtspunkt mit Blick auf den benachbarten Green Lake Rotokakahi nicht ganz hält, was er verspricht.





Der Green Lake ist für die Öffentlichkeit gesperrt, weil er für die Maori von spiritueller Bedeutung ist und ausschließlich für rituelle Zwecke genutzt wird. Die Legende vom verlorenen Pounamu Amulett der Häuptlingstochter verleiht ihm zudem etwas mystisches.
Zurück in unserer Unterkunft ist klar, wie der Abend endet: Hot Tub, Ruhe, kein Blog mehr. Wir lassen uns einlullern von der Wärme, dem leisen Blubbern und dem Schwefelduft in der Luft 🛁


Mein Magen hat sich glücklicherweise auch wieder beruhigt, der Gin Tonic schmeckt wieder. In diesem Sinne wünschen wir Euch ein tolles Wochenende und sagen „Gute Nacht“ 🌙