Der rund 2.500 Meter hohe Mount Taranaki ist ein schlafender Vulkan mit nahezu perfekter Kegelform, ob wir ihn sehen werden?

Mit ein wenig Wehmut verlassen wir das Birdsong Cottage. Natürlich nicht ohne einen letzten Dirty Chai, selbst zubereitet dank Siebträgermaschine, frischer Milch und dem Hanakoa Spiced Chai, von dem ich mittlerweile eine Flasche gekauft habe 🫣

Nach New Plymouth sind es knappe 300 Kilometer, eine gute Länge für eine Tagesetappe. Nach der Hälfte legen wir einen kurzen Stopp in Whanganui ein. Der Fluss, nach dem dieses bezaubernde Städtchen benannt ist, ist der erste der Welt, der per Gesetz als juristische Person anerkannt wurde - die spinnen doch die Kiwis 😂

Mark hat sich für Burger entschieden. Bloody Burger klingt erst nach einem schlechten Wortwitz, entpuppt sich aber als überraschend solider Laden. Genau das Richtige, bevor es zum Mount Taranaki geht.

Wir sind wirklich gespannt, ob wir dieses Mal in den Genuss des Berges kommen, der wie ein perfektes Dreieck in den Himmel ragt. Es bleibt erneut ein Wunschgedanke,  denn wie so oft und auch schon 2009 versteckt sich der Taranaki unter einer dichten Wolkendecke. Warum ist er bloß so schüchtern? 🤔

Das Wetter ist ideal zum Wandern, ein guter Mix aus Sonne und Wolken, aber trocken ⛅️ Unser erster Halt sind die Wilkies Pools. Der etwa 60-minütige Track mit etwa 200 Höhenmetern startet harmlos. Der breite Weg ähnelt ein wenig einem Spaziergang durch den Park.

Nach ein paar Minuten ändert sich das Bild komplett. Der Weg führt in den sogenannten Goblin Forest, einen extrem feuchten Regenwald, in dem die Kāmahi Bäume von Moosen, Flechten und Farnen überzogen sind. Viele wirken verdreht, weil sie sich über die Jahre um andere Bäume herumgewunden haben 🌳

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Dazu kommen Rimu, Tōtara und Baumfuchsien sowie Farne in allen Größen. Die Luftfeuchtigkeit sorgt dafür, dass jeder Ast aussieht, als hätte jemand einen grünen Teppich darübergelegt.

Die Wilkies Pools bestehen aus mehreren natürlichen Becken, die über Tausende Jahre durch erstarrte Lavaströme des Mount Taranaki entstanden sind. Das Wasser fließt stufenartig darüber hinweg, bildet kleine Rutschen und Kaskaden.

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Wäre die Sicht auf den Taranaki klar, würden wir noch über die Felsen bis zum Aussichtspunkt klettern, so treten wir den Rückweg an und erfreuen uns an den weiteren kleinen Wasserfällen, was für eine bezaubernde Geräuschkulisse 😊

Übrigens, den gut begehbaren Weg gibt es nur in eine Richtung. Ab jetzt geht’s über Stock und Stein. Das letzte Stück führt sogar über einen Bach. Es wird nass und rutschig. Unser Fazit: Wenn Ihr Eure Wanderschuhe bis hierher mitgeschleppt habt, zieht sie an. Punkt 🙃🙂

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Zurück am Parkplatz beschließen wir noch zu den Dawson Falls laufen - ein kleiner Walk. Nur das Ende hat es in sich. Da die Sicht von oben etwas eingeschränkt ist, steigen wir die über 160 Treppenstufen hinab und natürlich auch wieder hinauf. Ist ja nur gefühlt eine eigene Stufe für jeden halben Meter des Wasserfalls 🪜

Doch wie so oft lohnt es sich. Unten spüren wir die Gischt der Wassermassen, der Wald wirkt dicht und alt, dazu dieser typische Geruch nach Erde, den wir immer wieder in Neuseelands Regenwäldern finden, einfach schön 🙂

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Da wir gut in der Zeit liegen, geht’s noch zum Lake Mangamahoe. Bei Windstille spiegelt sich der Vulkan darin so klar, als hätte jemand den Berg auf dem See gemalt. Aber nicht heute, da zieht nur eine Formation aus Wolken direkt auf den Taranaki zu. Lediglich seine Ausläufer sind sichtbar, der Gipfel selbst bleibt ein Phantom. Doch wir geben die Hoffnung nicht auf.

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Kurz vor New Plymouth checken wir in unsere nächste Unterkunft ein und lassen den Abend bei Kartoffeln und Kürbis mit dem leckeren Kräuterquark aus Hawke’s Bay entspannt ausklingen.

Eigentlich wollten wir früh los zum Pouakai Reflective Tarn: 2 Stunden eine Strecke, steile 700 Höhenmeter und zur Belohnung die Spiegelung des Vulkans in einem kleinen Bergsee. Aber das Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung. Der Berg bleibt von Wolken verhüllt 😢

Also greift Plan B. Wir fahren zum Pukeiti Garden. Der historische Garten liegt etwas versteckt an den westlichen Ausläufern des Mount Taranaki und ist bekannt für seine über 1.250 Rhododendren. 

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Er wurde in den 1950er Jahren gegründet und umfasst mehrere hundert Hektar. Die verschlungenen Wege führen durch ursprünglichen, feuchten Bergwald, in dem einheimische Pflanzen wie Rimu, Rata oder Baumfarne dicht an dicht stehen und eben entlang verschiedenster Rhododendren - ein bisschen wie eine botanische Version von Mittelerde 😲

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Es ist alles dabei, von historischen Sorten, die auch in Deutschland in vielen Gärten stehen, bis zu sehr seltenen Wildformen. Viele von ihnen blühen im Frühling und Frühsommer, so dass sich über Monate hinweg ein anderes Bild ergibt 🌸

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Nicht nur wir freuen uns über die Farbenpracht, auch Frau Hummel ist unterwegs auf der Suche nach Nektar. Genau genommen sind es große, dicke Erdhummeln, die der Garten wie ein Magnet anzieht.

Wir hören sie oft schon, bevor wir sie sehen,ein tiefes Brummen, meist direkt an irgendeiner der Blüten. Sie sind super wichtig, denn ohne sie könnten sich viele der Rhododendren und Begleitpflanzen gar nicht fortpflanzen. Sie brauchen die knuddligen Bestäuber 🐝

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Und dann passiert’s: Aufdem Rückweg nach New Plymouth Blick reißt die Wolkendecke plötzlich auf. Beinahe hätten wir es verpasst, weil Mark sich auf die Straße konzentriert und ich Blog schreibe.

Wie aus dem Nichts steht zeigt sich der Mount Taranaki mit seinen Schneefeldern und seiner Symmetrie fast frei - das perfekte Postkartenmotiv. Kein Wunder, dass er als Ersatz für den Fuji im Film „Last Samurai“ diente. Was haben wir wieder für ein Glück. 5 Minuten vorher war da nur eine graue Wand 🍀

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Der Berg selbst ist sowohl ein Naturwunder, als auch ein heiliger Ort für die Māori. Seine bekannteste Legende: Taranaki lebte einst mit Tongariro, Ruapehu und Ngauruhoe im Zentrum der Nordinsel. Er verliebte sich in die schöne Pihanga, verlor den Kampf um sie und floh westwärts. Sein Weg durchs Land beschreibt das Tal des Whanganui River 🏔️

Die Region erzählt aber nicht nur von Mythen, sondern auch eine nicht so schöne Geschichte. Die Gegend rund um den Taranaki war einer der Hauptschauplätze der New Zealand Wars, die früher „Land Wars“ genannt wurden.

Hier begannen die ersten großen Konflikte um Landenteignung und politische Kontrolle. Viele Māori-Stämme verloren riesige Gebiete an den Staat oder Siedler, verbunden mit wirtschaftlicher Benachteiligung und sozialer Ungleichheit 😠 

Mahnmale, Ortsnamen und Museen wie das Puke Ariki halten diese Geschichte am Leben, während das Waitangi Tribunal seit Jahrzehnten die Aufarbeitung unterstützt.

Frühstück gibt’s im Chaos Café. Typisch New Plymouth: unkompliziert, freundlich, mit leichtem Hipster Feeling. Danach laufen wir in Richtung Innenstadt und sind ein wenig enttäuscht. Wieso wurde diese Stadt mehrfach als „lebenswerteste Kleinstadt Neuseelands“ ausgezeichnet? Trägt vielleicht das Festival of Lights im Pukekura Park im Sommer dazu bei, von dem auch unsere Gastgeberin schwärmte? 🧐

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Wir decken uns noch mit Lebensmitteln für die nächsten Tage ein, tanken und fahren dann zum Coastal Walkway. Nein, wir laufen nicht die ganzen 13 Kilometer, sondern nur bis zur Te Rewa Rewa Bridge, die aussieht wie ein halb geöffnetes Walknochenskelett oder eine Aluminiumwelle.

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Sie ist so ausgerichtet, dass sie bei klarer Sicht ein „Tor“ zum Mount Taranaki bildet. Kaum haben wir die Brücke überquert, zeigt sich der Berg tatsächlich noch einmal klar, als hätte er gewusst, dass wir kommen - ein wirklich magischer Moment 🥰

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Den Nachmittag lassen wir im Garten unserer Unterkunft bei einem Gläschen Wein ausklingen. Unsere Gastgeberin freut sich sichtlich über so ein süßes Paar wie uns, das einfach mal die Ruhe und die Sonne genießt ☀️

Abends gibt es Reste. Ich verwandle Kartoffel und Kürbis in ein Püree, verfeinere es mit dem restlichen Lauch, während Mark Steaks grillt – 1A wie immer. Dazu serviere ich noch karamellisierte Zwiebeln, perfekt 🥩

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Wir freuen uns sehr, dass sich der Taranaki gezeigt hat, zwar nur kurz und fast ein wenig widerwillig. Aber egal, es handelt sich eben um einen Berg mit Charakter.